OT66
- Ich sehe etwas, das du nicht siehst! -
Teil I
Verfasser: Josine de Jong, www.bijbelverhalen.nl
Uebersetzung: Anke Podesser
Bei dieser Geschichte brauche ich jetzt wirklich die Hilfe von Kindern, die einen Hund haben. Könnt ihr mal kurz erzählen, dass euer Hund reden kann? Ja, fang ruhig an. Ich warte unterdessen mit meiner Geschichte. Was sagst du? Dein Hund kann nicht reden? Nein, ich meine nicht mit Worten sondern mit seinem Verhalten. Wenn du einen Hund sehr lieb hast, dann verstehst du, was es dir sagen will auch ohne Worte. Er nimmt einen Stecken und bringt ihn dir: Herrchen wirf ihn für mich... Er steht bei der Haustür und bellt während er fröhlich mit dem Schwanz wedelt. Das heißt... genau. Das wollte ich deutlich machen. Früher hatten die Menschen keine Hunde, aber sie hatten schon Esel und an diesen hingen sie auch. Das sind anhängliche liebenswerte Tiere. Die Eselinnen besonders.
„Majestät! Ich kann ihn sehen!“
Auf dem hohen Beobachtungsposten, wo König
Balak von Moab seine Zelte aufgeschlagen hat, zeigt Simon mit den Adleraugen
auf einen Punkt ganz weit weg. Simon ist ein Beobachter des Königs und hat
extrem gute Augen. Er kann sehen, was ein Anderer nicht sehen kann. Balak kommt
gleich herbei und starrt mit einer Hand über den Augen in die Ferne.
„Wo denn?“ fragt der König nervös. Er
wartet schon seit Wochen auf den Wahrsager Bilieam. Der muss das Volk Israel,
das sich den Grenzen seines Landes
nähert, verfluchen.
Es wird jeden Tag dringender.
„Ich sehe nichts, Simon...“
„Doch, da, in der Ferne, Majestät, wenn Sie
sich hierher stellen und an meinem Finger entlang schauen... Dort wo die Äcker
auf den Wald treffen, bei der dicken Eiche, sehen
Sie, links vom Fluss Arnon... Zwei Männer,
einer davon auf einem Esel. Das wird Bileam sein.“
„Es wird auch langsam Zeit,“ seufzt der
König erleichtert. Er will nicht zugeben, dass er nicht sehen kann, was Simon
sieht. „Ar, Wahieb,“ befiehlt er zwei Knechten, „lasst unten im Lager meine
königliche Kutsche richten und macht euch bereit mit mir mit zu gehen. Ich hole
den Wahrsager Bileam persönlich hierher, denn das ist äußerst dringend. Auf,
Tempo!“ Er klatscht in die Hände um seine Worte zu bekräftigen.
Was ist jetzt los? Bileam sollte doch nicht
zu Balak gehen um das Volk zu verfluchen? GOTT hat es ihm doch verboten? Hat er
es jetzt heimlich gemacht?
Nein, das nicht. Als Bileam GOTT zum
zweiten Mal gefragt hat, hat der HERR gesagt: „Da die Männer jetzt zum zweiten
Mal zu dir gekommen sind um dich zu holen, stehe auf und gehe mit ihnen. Aber
du darfst nur das sagen, was ich dir sagen werde.“
Bileam ist natürlich froh. Jetzt gibt es
doch noch eine Chance auf die reiche Belohnung vom König. Also hat er seine
Sachen zusammengepackt, hat zwei Knechte gerufen und hat sich auf seine Eselin,
ein liebenswertes treues Tier, das ihm schon seit Jahre treu dient, auf dem Weg
gemacht. Und was für ein Glück, dass er die schlaue Graue ausgesucht hat, sonst
wäre es sein letzter Tag gewesen denn... aber hör mal gut zu!
„Klipp klapp, klipp klapp,“ machen die
Hufen von Grau, der Eselin.
Sie scheint überhaupt kein Problem mit der
heißen Sonne zu haben. Die zwei Knechte lässt sie schon bald hinter sich zurück
und Bileam ist dankbar, dass er kurz allein ist und über seine fantastische
Zukunft nachdenken kann. In Gedanken ist er schon dabei das Geld auszugeben.
Ein größeres Haus, ein Pferd und einen Wagen, oder ein Kamel mit einem Sitz auf
dem Rücken, neue Kleider für seine Frau und Kinder... Was für ein Glück er doch
hat. Dieser Balak braucht ihn schon sehr dringend wenn er so wichtige Leute
schickt um ihn zu holen!
Was könnte er sich für einen Fluch
ausdenken... eh... mit GOTTes Hilfe natürlich?
„Israel, GOTT hat alle eure Sünden und eure
Empörung gesehen und jetzt werden allerlei Krankheiten...“
Was ist denn jetzt los?
Die Eselin tut komisch. Sie verlässt
einfach so den Weg, geht ins Feld und bleibt dort stehen. Mit weit gespreizte
Füßen schreit sie: „I-ah, i-ah.“
Sie will einfach nicht mehr weiter. Hat sie
irgendetwas erschreckt?
Bileam gleitet von ihrem Rücken und nimmt
einen dicken Stock.
„Dummes Tier! Vorwärts, in die Richtung!“
Nach ein paar harten Schlägen flüchtet das Tier wieder auf den Weg zurück.
Bileam rennt hinterher, springt auf ihren Rücken und setzt seine Reise
fort. In den Niederungen weit vorne
sieht er noch die Nachhut der Karawane mit den Gesandten die ihn besucht haben.
Grau, die Eselin hat Schmerzen, die Schläge
haben richtig wehgetan und jetzt sitzt das Herrchen genau auf der schmerzenden
Stelle. Bei jedem Schritt scheuert sein rechtes Bein darüber. „I-ah, I-ah,“
schreit sie traurig.
Und eigentlich ist es gemein, denn sie ist
ja nicht ohne Grund von dem Weg abgekommen. Da war so eine Art Mensch mit einem
gefährlichen Ding in den Händen. Und dieser Mensch hatte den Weg versperrt. Es
war beängstigend!! Wieso hat ihr Herrchen
das nicht gesehen? Hat er vielleicht vor sich hin geträumt? Na ja, Grau
träumt auch manchmal in der Sonne, aber nicht wenn Gefahr droht.
Der Weg wird schmäler und verläuft jetzt
durch Weingärten, umgeben von Mäuerchen. Grau hört mit den langen Ohren, wie
sich das Echo ihrer Schritte verändert. Sie wedelt etwas mit den Ohren um eine
Fliege zu verscheuchen, die immer wieder um ihren Kopf summt. Und auf einmal: Da ist der gruselige Mensch wieder!
Oh, wo soll sie denn jetzt wieder hin? Grau
kann nicht nach links und nicht nach rechts, ihr Herrchen wird böse und stupst
sie in die Seite, aber vor ihr ist...DER ENGEL DES HERRN!
„Aua, Aua! Du dummes Tier! Was machst du
denn jetzt schon wieder?!“ scheit Bileam wütend als seine Eselin sein Bein fast
an der Mauer einklemmt. Zum Glück (?) hat er ja seinen Stock noch und schlägt
zu. Als Grau weitergeht hat sie noch mehr Schmerzen.
„I-ah, i-ah.“
Warum will der Engel des HERRN Bileam denn
aufhalten? GOTT hat ihm doch erlaubt zu gehen? Sicher, aber Bileam denkt, dass
er GOTT ganz raffiniert für dumm verkaufen kann. Eine Belohnung kassieren für
ein Wort das man auf zwei Arten auslegen kann. Und das will GOTT verhindern. So
geht das dann doch nicht!
Und deshalb erscheint der Engel des Herrn
zum dritten Mal auf Bileams Weg.
Schau, jetzt stellt er sich auf eine sehr
schmale Stelle des Weges. Da kann wirklich niemand mehr vorbei.
Grau wird ganz steif als sie ihn sieht. Ihr
Maul geht auf und man kann ihre großen gelben Zähne sehen. Schreiend vor Angst
sackt sie zusammen.
Wenn sie nur reden könnte, dann würde sie
sagen: „Herrchen, was habe ich denn getan, dass du mich schon drei Mal mit dem
Stock geschlagen hast? Bin ich denn nicht deine treue Eselin, auf den du schon
dein ganzes Leben geritten bist? Findest du das normal?“
Aber Esel können nun mal nicht reden. Oder
doch? Kann GOTT einen Esel reden lassen?
Bei GOTT ist nichts unmöglich.
Bileam erschrickt sich jedenfalls
halb zu Tode. Seine Eselin redet?
Mit einem Schlag ist er wieder in der
Wirklichkeit. Seine Augen werden geöffnet und was muss er da sehen? Vor ihm
steht groß und leuchtend, mit
gezogenem Schwert, der Engel des HERRN.
Jetzt ist er an der Reihe um in den Staub zu kriechen.
„Wieso hast du deinen Esel geschlagen?“
fragt der Engel wütend. „Bist du jetzt der große Hellseher? Dein Esel sieht
mehr als du. Du hast ihr dein Leben zu verdanken.“
Bileam traut sich vor Scham nicht den Kopf
zu heben.
„Entschuldigung, Entschuldigung!“ stöhnt
er, „ Ich habe sie wirklich nicht gesehen. Wenn sie nicht einverstanden sind
dass ich zu Balak gehe, dann gehe ich wieder zurück!“
Aber das ist nicht nötig. Der Engel macht
Bileam klar, dass er das Volk Israel nicht verfluchen darf, nur was GOTT will, wird geschehen. Hat er das jetzt gut
verstanden?
„Ja, ja, nur GOTTes Worte werde ich
aussprechen,“ stöhnt Bileam in Todesangst. „Ich verspreche es, ich verspreche
es!“
Bileam ist wieder da wo er sein sollte. Wie
konnte er so dumm sein und über Geld und Reichtum fantasieren, anstatt über
GOTTes große Taten.
Nach einer Weile finden ihn seine Knechte
neben seiner Eselin sitzend. Er streichelt ihren Hals und Rücken und murmelt
ihr Nettigkeiten ins Ohr. Er sieht noch immer Sternchen. „Meine gute treue
Grau... danke dass du mein Leben gerettet hast.Du hast gesehen, was ich nicht gesehen
habe,“ sagt er entschuldigend.
Und Grau? Hat sie den Schrecken gut
überstanden?
Aber sicher! Nach einer Weile hat sie
vergessen, was passiert ist. Denn das ist der Unterschied zwischen Menschen und
Esel. Menschen erinnern sich. Sie schreiben Geschichten und tausende Jahre
später lernen Kinder wie ihr es seid, dass Esel manchmal schlauer sind als
Menschen.