OT40   Von einem armen Waisenmädchen, das Königin wurde

Verfasser: Josine de Jong, www.bijbelverhalen.nl

Uebersetzung: Anke Podesser

 

 

 

Es gehen viele tausende Füße durch die Stadt Susa. Füße mit schönen Schuhen, Füße mit Lumpen umwickelt. Nackte Füße von Bettlern und Kinderfüßchen. Zwischen all den unbekannten Füßen läuft ein ärmliches und trauriges Mädchen in viel zu großen Sandalen. Ihr ganzes Eigentum trägt sie in einem kleinen Bündel mit sich. Schlapp, schlapp.

„Wissen sie vielleicht...“ fragt sie einige Menschen. Die zeigen in Richtung Palast. Endlich klopft sie bei einem vornehmen Haus, in dem ein Diener des Königs wohnt, an.

„Wohnt hier Herr Mordechai?“ klingt es scheu.

Die Tür öffnet sich weit.

 

Wer ist denn dieses arme Kind und was macht sie bei diesem vornehmen Diener des Königs? Es ist Hadassa, eine kleine Jüdin. Ihr Vater und ihre Mutter sind gestorben und jetzt hat sie niemanden mehr der sich um sie kümmern kann außer ihrem Onkel. Zum Glück ist Mordechai ein gläubiger Mann, mit einem mitfühlenden Herzen für alles, was schwach und hilflos ist. Er zögert keinen Moment, sondern nimmt Hadassa sofort in seiner Familie auf, als ob sie seine eigene Tochter wäre.

„Wieso weinst du, Hadassa?“

Mordechai kann ihre Tränen gut verstehen. Er nimmt seine Nichte in den Arm und tröstet sie. Er tröstet sie immer wieder, wenn der Schmerz zu groß wird. Aber nicht nur das, Hadassa, die jetzt persisch Esther heißt, bekommt von ihm schöne Kleider, gute Ernährung und eine Erziehung, die zu der Familie eines hohen Beamten passt. Was für ein anderes Leben ist das für Esther. Der Onkel wohnt auf dem ummauerten Gelände des Palastes, auch Burg genannt.

Dort gibt es viel zu erleben. Ausländische Gesandte kommen und gehen. Bauchtänzerinnen und Feuerspucker zeigen ihre Künste. Wenn Esther sich von ihrer Arbeit frei nehmen kann, findet man sie am Eingang des Palastes.

 

Eines Tages beschließt Ahasveros, der König, ein Festmahl für alle seine Fürsten auszurichten. Sechs Monate lang werden alle Schätze des Palastes gezeigt. Am Ende des halben Jahres, dürfen die Knechte der Burg Susa, die so viel extra Arbeit gehabt haben, selbst sieben Tage feiern. Der ganze Vorhof wird umgebaut. Phantastisch! Statt dem normalen Straßenbelag werden rosa Alabasterfliesen  mit kleinen Stückchen Perlmut eingelegt. Farbige Vorhänge werden zwischen weißen Marmorsäulen aufgehängt. Jeder darf sich auf goldenen und silbernen Ruhebänken ausruhen und vom königlichen Wein trinken.

Esther probiert gleich aus, wie man auf den Bänken liegt.

„Onkel Mordechai,“ seufzt sie, als sie später am Tag mit ihm am Tisch sitzt. „Ich bin hier so glücklich, als ob ich im Himmel wäre.“

„Ach, mein liebes Kind,“ lächelt Mordechai, während er ihre Hand streichelt, „ der Himmel ist das hier nun wirklich nicht. Es ist alles nur Show. Jeder versucht noch mehr Macht zu bekommen als der Nächste. Im einen Moment stehst du in der Gunst und im nächsten ist es wieder vorbei. Aber ich bin froh, dass es dir hier so gut gefällt.“

 

Der Onkel hat Recht. Wer hätte auch gedacht, dass die Königin fortgeschickt werden  würde? Die schöne Königin Vasti. Dennoch ist es passiert. Esther steht da und schaut zu, als Ihre Majestät sich weigert zu kommen, als ihr Mann sie gerufen hat. Sie sollte ihre Schönheit einem Saal voller betrunkener Männer zeigen. Und so etwas tut eine Dame nicht.

Esther sieht, wie sie traurig in eine bereitstehende Kutsche steigt und mit unbekannter Bestimmung wegfährt.

Noch nach Wochen und Monate wird in der Burg Susa über dieses Geschehen geredet. Das Meiste geht an Esther vorbei, weil sie viel zu tun hat mit ihrer Arbeit und ihrem Studium. Eines Tages nimmt Mordechai sie beiseite.

 

„Esther, mein liebes Kind,“ beginnt er vorsichtig, „heute wurden an alle Enden des Königreiches Botschafter ausgesandt um eine neue Königin zu suchen. Die schönsten Mädchen werden in den Palast geholt. Ich denke, dass du  eine gute Chance hast ausgewählt zu werden. Findest du es in Ordnung, wenn ich dich bei Hegai vorschlage, dem Hüter der Frauen?“

Esther wird gleich rot vor Verlegenheit. Denkt der Onkel wirklich dass sie....

„Wirklich, Esther, vertraue mir. Nur, sage bitte keinem dass du eine Jüdin bist. Es gibt soviel Diskriminierung.“

 

 Und der Onkel hatte Recht. Hegai ist sofort hin und weg von dem frischen und unverdorbenen Gesichtchen. Sie bekommt die schönsten Zimmer im Frauenpalast und sieben Dienerinnen um ihr bei allem behilflich zu sein. Esther muss lernen, wie sie sich benehmen und reagieren muss. Sie muss gebadet werden in herrlichen Ölen. Teure Kleider müssen angepasst werden und gut riechende Parfums müssen ausprobiert werden.

So vergeht ein Jahr. Für Mordechai ist es eine schwere Zeit. Werden sie seine liebe Esther auch freundlich behandeln? Jeden Abend steht er am Tor und wartet auf Nachrichten von Esther. Manchmal fragt ihn Esther um Rat bei einem schwierigen Problem.

Und sein Ratschlag wird auch immer befolgt, denn Esther vertraut ihm.

 

Trara! Endlich ist der große Augenblick gekommen und Esther ist an der Reihe um vor dem König zu erscheinen. Mit großem Schwung öffnen sich die Türen des Saales und da steht sie in einem bezaubernden Kleid aus weißer Seide. Ihr dunkles Haar fällt in großen Locken auf ihre Schultern. Auf Empfehlung von Hegai hat Esther keinen auffälligen Schmuck an. Sie ist selbst schon schön genug. Das findet jeder. Auch der König.

„Komm näher, Esther“ flüstert er gerührt. „Du bist die Schönste von allen. Du wirst die neue Königin.“

Ja, und dann gibt es schon wieder ein Fest, ein Hochzeitsfest natürlich. Wie eine Märchenprinzessin erscheint Esther am Arm ihres königlichen Gemahls auf dem Balkon und das Volk jubelt. Überall wird getanzt, gesungen und gelacht. Der König verteilt große Geschenke...

 

Aber am meisten freut sich Mordechai. Seine Bemühungen waren nicht umsonst. Das arme Waisenkind wird Königin. Dafür ist er GOTT sehr dankbar.